Übersicht, Leben und Lifestyle

Tiefer Fall für die schnelle Lieferung 

Ein Kommentar

 

Das Thema „fast fashion“ ist eine andere Story wert. Und doch erinnert es irgendwie an die Zahlen, die in den letzten Tagen vom Berliner Online-Modehändler Zalando bekannt wurden. Die Verlust-Kurve purzelte, und zwar mehr als „fast“. Im dritten Quartal 2018 machte der bereinigte Verlust vor Steuern und Zinsen 38,9 Millionen Euro aus. Damit haben sich die Einbußen gegenüber zum Vorjahr mehr als verdreifacht. Die Aktionäre rutschten bereits im Sommer unruhig auf ihren Sesseln, jetzt vermutlich noch mehr.

Den Konsumenten dürfte dies allerdings (noch) egal sein. Hauptsache die Ware kommt rasch nach Hause. Dass in Italien mittlerweile Versandkosten eingeführt wurden, stört die restliche Stammkundschaft vermutlich wenig. Denn das Zalando-Versprechen: „Versand und Retoure kostenlos“ sollte bleiben. Schließlich hat sich die Käuferschar daran gewöhnt, ohne Klick-und-Kreditkarten-Ängste dem sonnabendlichen Shopping-Ritual zu frönen. Dann wird schnell – also „fast“ – ein Kleidungsstück geordert; weil, wer möchte schon überfüllte Läden und Wühltische aufsuchen? Nein, da kauft man lieber gemütlich von der Couch aus sein überlebensnotwendiges, neues Trendteil. Es kostet ja nichts, außer den Verkaufspreis selbstverständlich. Und auch die sind gegenüber den herkömmlichen Ladenpreisen meist günstiger. Schlussverkauf und Aktionen machen es möglich!

Was aber macht man, wenn der Mausklick doch zu schnell erfolgte? In solch einem Fall kann man das gelieferte Paket ebenso hurtig wieder ins nächste Postfach stecken und retournieren. Zalando nahm es bisher „dankbar“ wieder entgegen. Hat sich da eventuell etwas verändert? Neben dem schlecht in den Griff zu bekommenden Retourenmanagement sei die immer kostenintensivere Logistik-Infrastruktur eine der größten Geld-Vertilger, heißt es aus der Zalando-Zentrale.

Die Tiefflieger-Zahlen, das steht Schwarz auf Weiß – besser gesagt in roten Zahlen – auf Papier, dürften dies wohl bestätigen. Möge man nur hoffen, dass „fast fashion“ und „fast delivery“ nicht auch unsere Umwelt schneller als gedacht in den Sturzflug befördern. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

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Übersicht, Beruf und Berufung, Leben und Lifestyle

Sebastian Fitzek: „Die Ausnahme ist die Regel“

Mit einem Bestseller kommt auch die Kritik – in Form von Rezensionen, Buchbesprechungen, Amazon-Bewertungen, Blogger-Kommentaren. Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 plauderte Erfolgsautor Sebastian Fitzek in einem Kurzvortrag über den Umgang mit derselben, seinen Weg vom Jungautor zum Verlagsvertrag und wie auch die Ausnahme erfolgreich werden kann.

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Foto: Gene Glover

Sebastian Fitzek veröffentlichte 2006 sein erstes Buch „Die Therapie“. Mit einer Auflage von 4000 Stück, aufgeteilt auf damals 5500 Buchhandlungen in Deutschland, war die Chance „auf einen Bestseller quasi unmöglich – zumindest rein rechnerisch gesehen“. Warum? Fitzek dazu weiter: „Um bekannt zu werden, braucht man ein fettes Marketingbudget und eine hohe Auflage, aber nur wenn man bekannt ist, bekommt man beides vom Verlag.“ Da beißt sich die Katze wohl in den Schwanz. Wie hat er es doch geschafft? „Etwas unüblich, aber der Verlag schloss zusammen mit dem ersten Vertrag gleich einen weiteren für ein zweites Buch ab.“ Ins Rollen brachte dies alles sein Literaturagent Roman Hocke – einst Lektor von Michael Ende. Er empfahl den Psychothriller-schreibenden-Journalisten 2002 bei Droemer Knaur. Heute steht er bei Buchveröffentlichung Nummer Achtzehn, schrieb unter einem Pseudonym für Bastei Lübbe, gestaltete ein Kinderbuch und kann aktuell mit je drei Verfilmungen und Dramatisierungen seine Biografie ergänzen.

Schnell erzählt erscheint der Weg einfach. Doch die nüchterne Wahrheit lautet: „Meine erste Fassung schickte ich an fünfzehn Verlage, dreizehn lehnten ab, zwei haben sich bis heute nicht gemeldet“, fasst Fitzek mit Humor zusammen, verweist gleichzeitig aber auch auf die Rolle des Lektors: „Keiner wurde abgestraft, dass er Harry Potter ablehnte, aber umgekehrt, wenn bei einem Newcomer die Großauflage von 200.000 Stück gedruckt werden soll, Vorschuss inklusive, und diese dann floppt, ja – dieser Name wird in der Verlagsbranche weitergereicht“, merkt der Autor an.

Jungautoren müssen also mit Absagen rechnen. Vielmehr sind sie die Regel, auf die auch Größen wie Joanne K. Rowling und Steven King zurückblicken können. „Da muss man durch, einen langen Atem besitzen“, motiviert der gebürtige Berliner weiter. „Ganz klar, man schreibt, um gelesen zu werden. Und dieses Ziel teilt man sich mit vielen anderen“, so Fitzek. Mit ein Grund, dass Verlage regelrecht überrannt werden mit Manuskripten. Berge von Papier türmen sich und Tag für Tag häufen sich weitere auf den Schreibtischen an.

Und welche Geschichten schaffen es schlussendlich in die Regale?

„Als Jungautor hat man mit Gegenwind zu kämpfen, wenn man nicht in eine gängige Genre-Schublade fällt.“ Trends am Buchmarkt – sie zu brechen ist also Knochenarbeit. „Mir wurde damals gesagt, es gäbe keinen Markt für Psychothriller. Dafür waren historische Romane gefragt, allerdings nur, wenn sie von einer Frau verfasst wurden. Als Sabrina Fitzek wäre ich allerdings weder gut noch glücklich geworden“, fasst der Autor lachend zusammen.

Die Versuchung ist gewiss groß, sich an Lesermeinungen zu orientieren, auf den Markt zu schielen oder Titeltrends zu verfolgen. Doch Schreiben sollte immer Ausdruck der Persönlichkeit sein, abseits von Bewertungsportalen und Instagram-Likes, in denen heute jeder zu einer PR-Oberfläche wird. Die Dichtheit an Nachrichtenmeldungen und Inszenierungen veranlassen uns zu glauben, dass die Ausnahme bereits die Regel ist. Das betrifft auch Buchkritiken. Fitzek dazu: „Ich brauchte lange, bis ich begriff, welche Kommentare förderlich und welche ich besser ignorieren sollte. Daher stelle ich mir immer die Frage: Ist die Kritik wohlwollend oder nicht? Ist es jemand, der mich kritisiert, weil er will, dass ich besser werde oder geht es um polarisierende Rezensionen.“

Und gibt es so etwas wie ein Geheimnis für einen anhaltenden Schreiberfolg?

„Da ich bei meinem zweiten Buch nicht wusste für wen ich schreibe, ich kannte ja meine Leserschaft noch nicht, unterscheidet es sich völlig vom ersten. Aber viel wichtiger ist, dass ich ausschließlich meiner Idee treu blieb, auch niemandem gefallen wollte und authentisch blieb. Das handhabe ich heute noch so“, verrät Fitzek sein Geheimnis. Und es klappt, wie wir sehen.

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Frankfurter Buchmesse 2018, Frankfurt Book Fair 2018
Übersicht, Galerien und Museen, Kunst und Markt

Frankfurter Buchmesse 2018 – Rare Books & Fine Art

Diogenes, Suhrkamp, dtv und Co – die bekannten Verlagsgrößen findet man noch bis Sonntag unter den 7.300 Ausstellern aus 102 Ländern. Gemessen an dieser Zahl ist die Frankfurter Buchmesse 2018 mit 286.000 Besuchern, über 4.000 Veranstaltungen und in etwa 10.000 akkreditierten Journalisten und Bloggern die größte Fachmesse für das internationale Publishing. Business trifft Besucher – mit vielen Side-Events!

An vier Tagen treffen sich auf dem Messegelände Player aus den Bereichen Bildung, Filmwirtschaft, Games, Wissenschaft und Fachinformation – Zielgruppen-Spezifigkeit und branchenübergreifende Ansätze sind das Ziel. So ist eine Nische wieder zurück: die Frankfurter Antiquariatsmesse, jetzt unter dem Namen „Rare Books & Fine Art Frankfurt“. Hier stellen 32 Antiquariate, Verleger und Galeristen aus Deutschland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden und der Schweiz seltene Bücher von der Mitte des letzten Jahrtausends bis hin zur Gegenwart aus. Ihr Spektrum wird bis zur zeitgenössischen Kunst hin erweitert und auch zum Verkauf angeboten.

Das wohl kurioseste Angebot dürfte der einzige erfolgreiche Versuch sein in einer von J. M. Jacquard entwickelten Methode ein Buch an einem Webstuhl anzufertigen. Eins von ca. 50 bekannten Exemplaren des 48 Seiten umfassenden Werkes kann auf der Messe für € 30.000,- erworben werden.

Auf der Fläche

Galerie Bausmann

Die Galerie Bausmann aus Halle bietet u.a. mehrere Originalwerke von Georg Baselitz und das Multiple „Sculpture, Capri-battery light bulb, electrical plug and lemon“ von Joseph Beuys aus dem Jahre 1985 für € 17.850,- an.

Galerie Meridian

Die 2017 in Zürich neu gegründete Galerie „Meridian“ ist dem Ruf der Frankfurter Buchmesse, sich an dem neuen Profil zu beteiligen, gefolgt. Sie bietet Original-Graphiken und Bilder der klassischen Moderne sowie ausgesuchte Vintage-Objekte des Modernismus.

Weitere Angebote

Viele Antiquare haben seit jeher auch Original-Kunstwerke und Künstlergraphiken im Angebot. Und so werden Arbeiten von P. Alechinsky, R. Escher, G. Graubner, E.Heckel, K. Hofer, O. Piene, J. R. Soto, G. Uecker u.v.a. gezeigt.

Frankfurter Buchmesse 2018
10. bis 14. Oktober
Halle 4.1, N17
Ludwig-Erhard-Anlage 1
60327 Frankfurt am Main
Deutschland

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Übersicht, Interior Design, Leben und Lifestyle

Vogelperspektive

Urbanes Wohnen mit Licht, Lage und Luxus. Im innerstädtischen Gebiet vereinen dies unter anderem Dachgeschoss-Wohnungen. Ein kostspieliges Vorhaben sind sich die Experten einig, trotzdem ist die Nachfrage konstant!

Durch die Wiener Innenstadt spazieren, den Blick nach oben schweifen lassen und dabei das rege Stadtleben spüren – ein Moment, in dem man sich vielleicht genau an diesem Platz eine 360-Grad-Aussicht vom Stephansdom bis zum Kahlenberg wünscht. Wer heute Wohnraum mit Fernsicht sucht, findet Angebote auf allen Raum-Ebenen, denn städtebaulich gesehen wächst die Stadt in die Breite und kontinuierlich auch in die Höhe. Zwar dezent und den Bauvorschriften gemäß, dafür aber individuell und zunehmend luxuriöser. Einheitslösungen findet man im Dachgeschoss nicht. Dafür sind die vorherrschenden Gegebenheiten jeweils zu unterschiedlich. Bauherren müssen aus diesem Grund tiefer in die Tasche greifen, besonders wer ein luxuriöses Gesamtpaket haben möchte.

Mehrwert bieten

Ein Dachgeschoss-Domizil ist keine preisgünstige Anlagewohnung. Ganz im Gegenteil, sechs- bis siebenstellige Beträge werden hier gegen ein besonderes Raumgefühl getauscht. Und dafür müssen die Mehrwerte absolut passen, oder konkreter gesagt: „Das Dachgeschoss ist nach wie vor die beliebteste Etage des Hauses“, weiß Michael Ehlmaier, Chef von EHL Immobilien. Doch nicht ausnahmslos: „Anders als vor Jahren sind Dachgeschoss-Wohnungen heute nicht unbedingt die ersten, die verkauft werden“, analysiert Florian Polak, Geschäftsführer der Vermehrt AG, den Premiummarkt. Die Vorstellungen wachsen entgegen der Angebote. So werden starke Schrägen, observierende Einblicke und zu kleine Räume abgestraft. Im Gegenzug sind sich beide Experten einig, dass Höchstpreise nur erzielt werden können, wenn die Wände gerade, die Lage premium, der Grundriss passend und die Freiflächen großzügig sind.

Wie das Gesamtpaket „Dachgeschoss-Traum“ im konkreten gewünscht wird, erklärt Markus Kaplan, Partner bei BWM Architekten, noch ausführlicher: „Kunden suchen den Luxus eines Neubaus, eingebettet in historische Bausubstanz und das alles zentral.“ Das seien vor allem schöne historische Viertel, trotzdem modern, mit Infrastruktur und einer gewachsenen Nachbarschaft.


Hier geht’s zum vollständigen Artikel, erschienen im assets Magazin, Juni 2018.

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fuerteventura
Übersicht, Leben und Lifestyle

Küche der Kanaren

Fuerteventura schmeckt

nach Meer und Weide


Die zweitgrößte Kanareninsel Fuerteventura hat viele Gesichter. Das erodierte Vulkanland – bekannt für weite Strände, Wind und Wellenreiter – tischt auch kulinarisch Interessantes auf. Ein Querschnitt durch die Inselküche.

Donnerstag kurz nach drei Uhr – um diese Zeit ist wenig los im kleinen Städtchen Lajares. Vor einer Bäckerei sitzt ein junges Pärchen und schlürft genüsslich eine Tasse Café mit aufgeschäumter Sojamilch. Die Frau sonnt sich und blinzelt mit zusammengekniffenen Augen zu ihrem Freund. Salzig-lockige Strähnen durchziehen ihr halbtrockenes Haar. Vom Nachbartisch schallt lautes Lachen auf die gegenüberliegende Straßenseite. Vier Jungs trinken dort kühle Limonaden und kauen genüsslichen an ihren frisch belegten Sandwiches. Die Stimmung ist entspannt und zufrieden.

Der Norden

Lajares liegt im Norden der Insel Fuerteventura, in der Mitte zwischen El Cotillo und der zweitgrößten Stadt Corralejo. Viele der knapp 1500 Einwohner sind Surfer, die das ganze Jahr über hier leben. Ideal, wenn man schnell zu den Küsten mit guten Wellen kommen möchte, denn dafür ist die Gegend bekannt und beliebt: für Wind, fürs Surfen und weitläufige Strände. Ein Naturparadies, ein Urlaubsparadies, aber ein kulinarische Paradies? Davon liest man wenig, noch seltener wird es in einem Atemzug mit dem Eiland genannt.

Interessiert frage ich eine Ladenbesitzerin, wo es die besten Lokale in der Stadt gibt. Die gebürtige Deutsche wanderte vor zehn Jahren hierher aus. „Knusprig-frisches Gebäck und Kuchen holt man sich in der La Paneteca. Ein Genuss, auch fürs Auge, denn moderne Hängeleuchten und Möbel im Industrial-Shappy-Chic wirken ansprechend und urban. Abends wird es im Ort voller, dann kommen viele vom Strand zurück und stärken sich etwa im Mana Café mit Mojitos und Tapas.“

fuerteventura strandbar

Eines stelle ich gleich fest, wer nicht extra nach diesen Plätzen sucht, wird sie kaum finden. Die Insel ist weitläufig und voller Überraschungen. Und gerade das weckt meinen kulinarischen Entdeckergeist noch mehr.


Den gesamten Reisebericht können Sie hier >> im profil/GUSTO spezial nachlesen.

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Übersicht, Beruf und Berufung, Leben und Lifestyle

Kunst, künstlich und künsteln

„Zeigen Sie sich!“
„Was meinen Sie?“
„Ja sich, zeigen Sie sich!“
„Das verstehe ich nicht.“
„Ihre Persönlichkeit, bleiben Sie authentisch.“
„Aha. Das habe ich noch nie probiert.“

Täglich betreten wir die Welt – Sie und ich – und betrachten sie durch unsere Brille. Wir haben gelernt, wir haben erfahren und wir ziehen daraus Schlüsse. Mitunter heißt das, dass wir uns tagaus, tagein vorwärts bewegen, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.

Wir arbeiten in einem Job, der von uns ein freundliches, zuvorkommendes, höfliches, seriöses Auftreten verlangt. Treffen uns mit Freunden, denen wir aufmerksam zuhören – und dabei geht es meistens um die großen und kleinen Beziehungsprobleme, Familiensorgen oder Missstimmungen. Ein- bis zweimal im Jahr fahren wir auf Urlaub, buchen aber nicht das Hotel unserer Wünsche, sondern richten uns nach den Vorschlägen der Reisegruppe.

Irgendwie wirkt alles künstlich, riecht nach Plastik und Oberflächlichkeiten. Äußerlich scheint alles wudervoll perfekt zu sein, doch im Innersten fühlen wir uns schlecht. Warum? Weil das meiste zum Schein passiert. Social Media sei Dank!

„Agieren ist besser als reagieren.“

Wir träumen von einer erfüllenden Freizeit, Erfolg und mehr Glück, lassen uns aber rein aus Bequemlichkeit von Gewohnheiten und den Erwartungen anderer leiten.

„Es ist doch gut wie es ist.“ Ein viel zitierter Rat-Schlag, aber wohin bringt er Sie? Genau – dorthin, wo Sie jetzt sind! „Ein Hobby hilft.“ Gut gemeint, aber welches passt?

Aus einer ersten Unzufriedenheit heraus wächst der Wunsch etwas zu verändern, und das Angebot ist enorm. Daher kommen wir an diesem Punkt angekommen, um grundlegende Fragen nicht umher: Wer bin ich? Was brauche ich? Was will ich wirklich?

Ohne dieses Fundament würden Sie nicht vom Fleck kommen. Daher ein Tipp aus Coaching-Kreisen: Gehen Sie aus eigenem Wunsch und Antrieb vorwärts. Lernen Sie sich kennen, just bevor Sie von äußeren Umständen ohnehin gezwungen werden.

Neue Wege

Die Kunst besteht also darin aus dem Hamsterrad auszubrechen, um überhaupt erst neue Wege beschreiten zu können. Und da wir uns am nächsten stehen, hilft die eigene Intuition bei wichtigen Entscheidungen. Das liegt daran, dass wir im Innersten genau fühlen, was stimmig ist.

Das erfreulich, es braucht keine teure Anschaffung und keine neue Umschulung, Sie haben bereits alles. Schritt 1: Nehmen Sie Regungen und Gefühle bei ganz einfachen und alltäglichen Dinge wahr: Wie fühlt sich gesundes Essen an? Was macht ein Spaziergang in der Natur oder ein Ausflug an den See mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich nach einem Telefonat mit einer Freundin/einem Freund?

Im nächsten Schritt kann es helfen, aktiv Online-Archive, Facebook-Listen und Ablagen zu durchforsten, um alles zu löschen, was unnötig ist. Warum? Wir sammeln viel an, nutzen aber mehr als die Hälfte nicht. Gesagt, getan – und plötzlich fühlen wir uns freier.

Mit der neu gewonnenen Erleichterung geht es gleich weiter an den Kleiderschrank und die Schubladen. Ausmisten hat im übertragenen Sinn immer etwas mit Loslassen zu tun, also eine „Bereinigung von Altlasten“.

„Wir denken immer, wir benötigen viel. Am Ende bleibt ein Bruchteil davon übrig.“

Es ist eine große Kunst und benötigt Mut, selbstreflektiert und authentisch zu handeln. In einer konsum- und egogetriebenen Welt stößt das nicht nur einmal auf Un- und Missverständnisse.

In machen Bereichen werden Sie rasch Erfolge erzielen, anderswo wird es länger dauern – alles ist möglich. Alleine aber die Ausrichtung, dass Sie endlich Ihre und keine fremden Wege beschreiten, macht Sie selbstbewusster, stärker und sicherer und bringt vor allem mehr Klarheit. Die wiederum zieht neue Möglichkeiten an (Resonanz). Klingt spannend. Auf jeden Fall merken Sie, wie Sie achtsamer und Ihre Antennen feiner werden, um „künstlich“ und „gekünstelt“ zu durchblicken.

Meine Erfahrung ist, nicht alles verändert sich sofort. Es braucht seine Zeit, Kraft, Ausdauer UND es darf und sollte vor allem auch Spaß machen, demnach…be happy, mit einer „lachenden Wurschtigkeit“* geht es einfacher. 🙂

*Martin Knapp. Radionics.

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daniel richter künstler
Galerien und Museen, Kunst und Markt

3 Gründe für Daniel Richter

Die große Frage zuerst: Wer ist dieser Daniel Richter? Punk, Maler-Rebell, vernichtender Analyst, Weltenbeobacher oder simpler Lebens-Künstler, der sich als Maler versteht?

Daniel Richter ist nicht zu verwechseln mit Gerhard Richter, sie sind nicht miteinander verwandt, haben maximal dieselbe Staatsbürgerschaft Deutschland. Jedoch polarisieren beide auf eine ganz eigene Art und Weise.

Beide Richter beschäftigten sich mit dem Abstrakten im Bild. Autobiografische Züge verarbeiten die Zeitgenossen beide, die Themen allerdings sind grundverschieden. Der Grund: sie trennen 30 Jahre. Die Gemeinsamkeit: Beide schlagen mit ihren Inhalten eine harte, ironische Sozialkritik an. Sie ist ungetrübt Bestandteil beider Künstlerpersönlichkeiten, ebenso die Arbeitsweise. Sie arbeiten kontrolliert. Fast museologisch-archivierend sammelte Gerhard Richter für seinen Atlas; und man möchte es nicht vermuten, Daniel Richter führt seinen Pinsel punktgenau und wohlüberlegt über die Leinwand.

Daniel Richter

Beim jüngeren Richter vibrieren die großflächigen Tafelbilder. Abstrakte Landschaften, apokalyptische Welten und anonyme Figurengruppen verschlingen den Betrachter. Der Maler zeigt einen ganz eigenen Gestus, den er selbst als „Historienmalerei im neuen Stil“ beschreibt. Konkrete Schauplätze findet der Betrachter jedoch vergeblich. Die collagierten, fiktiven Orte dröhnen aus der Leinwand heraus. Der Künstler erweitert seinen malerischen Raum und erzielt dabei ein schauriges Gefühl. Seine figurativen Bilder versuchen eine ganz bestimmte Stimmung des Zeitgeschehens einzufangen. Daniel Richter verstand sich im weitesten Sinn immer als politisch motiviert. Er arbeitete besonders in der Vergangenheit mit Allegorien, Narrationen und politischen Statements. Und er entwickelte sich weiter!

Drei Merkmale

Daniel Richter funktioniert als Künstler, als Störer und als Beobachter. Wie sieht er die Malerei selbst, einem Medium, dem er wie er selbst sagt „nie entwachsen ist“? Sie ist für ihn „unaufklärerisch, vielleicht traditionell auch das revolutionärste oder grundsätzlichste Medium. Konkret: „Was mir am meisten bedeutete, aus nichts etwas zu machen“, gibt er im Interview mit der Standard preis.

1. Der Künstler

Daniel Richter ist Maler mit Selbstbeschränkung: sich nur auf die Malerei zu konzentrieren ist eine Herausforderung, wie er im Interview für das RONDO betont.

2. Der Störer

Knallharte Kritik, laute Manieren und unliebsame Aussagen. Nicht jeder versteht Richter, nicht jeder liebt Richter, doch was kann Richter? Seine Meinung äußern! Ungeschönte Wahrheiten kollaborieren in den Bildern mit ganz eigenen Sichtweisen auf die Welt.

3. Der Beobachter

Daniel Richter im Interview mit Stephan Hilpold:  „Die Welt macht mir Riesenspaß. Was da gerade los ist, ein Haufen an beknackter Scheißdreckhaftigkeit, dass man vor Begeisterung in die Hände klatschen muss!“ Wer, wenn nicht der Künstler Daniel Richter, bringt es auf den Punkt!

Seine Retrospektive „Lonely Old Slogans“ läuft bis 5. Juni im Wiener 21er-Haus.

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Übersicht, Fashion und Trends, Kunst und Markt

Mode und Malerei – Der MM-Effekt!

Mode beeinflusst Kunst“ ist Sven Drühls Ansatz für eine Text-Diskussion, die er im Kunstforum international mit „Verstrickungen“ betitelt. Beide Disziplinen – Kunst und Mode – beherrschen ein feines Spiel aus Abkehr und Zuwendung zum jeweils anderen Feld. Drühl findet die „Offenlegung der Struktur“¹ oder „Vorgehensweisen als ästhetisches Mittel“² sowohl in der Modeproduktion als auch im Kunstsystem vor. Es sind die austauschbaren Verbindungen, die hier zum Tragen kommen, was wieder zur Umkehr führt, oder wie Drühl sagt, „Kunst beeinflusst Mode.“³

Mode und Kunst näherte sich immer wieder an, versuchte gemeinsame Wege zu gehen oder suchte Inspiration beim anderen. Im 20. Jahrhundert waren es Klimt und die Wiener Werkstätte, die mit Modeentwürfen, Stoffmustern und Verbindungen zum Modesalon der Schwestern Flöge für Aufsehen sorgten. In Paris brachte die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli den Surrealismus und Dadaismus in die Fashionszene. Sie pflegte Kontakt zu Künstlern wie Man Ray und Duchamp. Picasso und Dali zählten zu ihren Freunden. Mit Letzterem kollaborierte sie immer wieder. Aus dieser kreativen Verbindung entstanden unter anderem das bekannte Lobsterkleid oder der Schuh-Hut.

Damals wie heute ziehen sich beide Bereiche magisch an – und das ist gut so. Menschen sind dazu befähigt, geistige und materielle Formen zu erschaffen. Wir bezeichnen sie als Modeschöpfer, Architekten, Bildhauer, Maler, Literaten oder Schauspieler – Sie alle kreieren Bilderwelten und Räume, die vor allem auch durch Verschränkungen immer wieder Quellen gegenseitiger Inspiration werden.

Formschaffen

Der bildende Künstler Mario Dalpra und Modeschöpfer Juergen Christian Hoerl beschreiten in diesem Zusammenspiel ihren ganz eigenen Weg. Zeit ist ein wesentlicher Faktor in der Kreation von Skulpturen und Kleidung. Diesmal aber ging es beiden um das Momenthafte und die unmittelbare Aktion. Eine Live-Performance ist dafür die ideale Bühne, denn der Weg bleibt spontan, das Ziel ist klar: Eine gemeinsame „Formschaffung“.

Foto: Malena Brenek

Foto: Malena Brenek

Die Medien

Der Akt des Schaffensprozesses setzt sich bei diesem Duell aus mehreren Elementen zusammen: Eine weiße Leinwand, weiße Kleidung, Menschen als Skulpturen und persönliche Zugänge werden zu Medien und Transmittern sinnlicher Formen. Die materielle Verkörperung spiegelt sich schließlich in der eigenen künstlerischen Handschrift wieder. Das Ergebnis kann vom Zuschauer nur erahnt werden. Gemälde, Kleidung, Gesamtkunstwerk? Das Prinzip des Zufalls spielt hier jedoch eine untergeordnete Rolle. Die Motive und Farben werden anfangs gezielt gesetzt, lösen sich aber im Zuge der Aktion immer mehr auf und folgen schließlich dem tranceartigem Zustand aus Gefühlen und Können.

Foto: Malena Brenek

Foto: Malena Brenek

Mode und Malerei

Juergen Christian Hoerls Zugang als Modeschöpfers ist deutlich erkennbar. Sein geschultes Auge erfasst die Körperformen, umzeichnet Schnittmuster und setzt Abnäher. In diesem Prozess dienen ihm Farbe und Pinsel als Marker und ersetzen Nadel und Faden. Mario Dalpras Hände folgen seinem gelernten Künstlergeist, indem sie Farben, amorphe Formen, Figuren und Muster auf die „lebenden Leinwände“ bringen. Kleidung als Medium, Menschen als Skulpturen und ein spontaner Schöpfungsprozess verbinden sich bei dieser Live-Performance zu einer stimmigen Einheit: Mode und Malerei ergänzen sich. Aktion folgt Reaktion, Gefühle ergeben Farben und individuelle Herangehensweisen erzeugen schlussendlich ein energiegeladenes Cross-over.

Die Verbindung Mode und Malerei hat einmal mehr gezeigt, wie sich gestalterische Kräfte im Zusammenspiel von sinnlicher Erfahrung, materieller und farblicher Ästhetik und einem beiderseitigen Verständnis von Perfektion aufeinander einstimmen können.

Wir hoffen alle auf eine Fortsetzung!

1-3 Drühl, Sven, Verstrickungen, in: Kunstforum international, Bd. 141, Juli-September 1998, 173.
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Der Dandy

Oscar Wilde machte es vor

 

Seine Statur ist grazil und hochgewachsen. Feminine und doch markante männliche Gesichtszüge werden von braungoldenem Lockenhaar umrahmt. Der klare Blick ist kühn und überlegen. Zartgliedrige Finger legen sich in seine Taille und umschließen seinen violett-braunen maßgeschneiderten Gehrock mit breitem Revers. Der edelste Satinschal ist um seinen Hals gebunden. Ausgezeichneter Geschmack, perfekte Manieren, immer für ironisch-frivole Konversationen bereit und betont distanziert – der Dandy!

Dandy

Pose, Styling und Komposition erinnern an ein historisches Porträt eines wohlhabenden Bürgers. Dieses inszenierte Foto aus einem französischen Modemagazin funktioniert, sehnt sich der Betrachter beim Anblick des Motivs vielleicht nach Romantik aus vergangenen Zeiten. Vornehm, jung, unnahbar – das Model gleicht mit Kleidung und Habitus seinen historischen Vorbildern wie George Bryan Brummell oder Oscar Wilde. Was aber passiert mit dem Dandy 2.0, wenn Magazine, Modefirmen und Feuilletons den Begriff derart ausreizen und jeden vornehm, leicht konservativ und ausdrucksstark-überhöht blickenden Mann als solchen beschreiben? Folgen wir dem Dandy – ein Essay-Kommentar zum Thema.

Dandy, who?

Ist er eine überholte Beschreibung verträumter Geschichtenerzähler oder tatsächlich noch zeitgemäß? Wie passt er heute in unser Gesellschaftsbild und gelten die alten Regeln noch? Wie sieht die Forderung Baudelaires, der Dandy müsse sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterbrechung erhaben zu sein, heute aus? „Er müsse leben und schlafen vor einem Spiegel“1, so seine Anmerkung.

Uns stellt sich hier eine Geistes- und Lebenseinstellung dar, in der Selbstkult zur Spitze getrieben wird: der Dandy als Solitär in einer exklusiven Gesellschaft! Er ist eine Spielernatur und frönt dem Müßiggang. Einer täglichen Brotarbeit würde er nie nachgehen. Von ihm sind unterschiedlichste Facetten und Mischformen bekannt, auch bedingt von politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Häufig aber aus gutem Hause kommend, findet der Dandy nur in diesem Umfeld Zuspruch. Hier reflektieren auch seine GesellschaftspartnerInnen den Kodex aus Werten, Regeln und Formen, denn sie alle sind „Eingeweihte“, die sich auf dieser „Bühne“ selbsterklärend verstehen.

Als Individuum ist er materiell und geistig unabhängig. In seinem Umfeld ist er Provokateur, greift aber niemals dieses direkt an. Raffiniert übt er sich in Selbstkontrolle, immer bedacht darauf seine kühle und unnahbare Aura zu wahren. Jede Szenerie beherrscht er durch sein latent konservatives Erscheinungsbild, provoziert aber gleichzeitig durch das Verweigern von Zeitmoden. Das ausgewählte Einfache unterstreicht seine Schönheit. Er leistet sich diese Regelbrüche und gefällt trotzdem. Ohne jedoch die Rückbindung an verpflichtende Konventionen der „besseren Gesellschaft“ würden seine Verstöße, sein überhöhter Geschmack und Stil und seine ethischen und spirituellen Eigenschaften missverstanden, vermutlich übersehen werden und ins Leere verpuffen.

Mit Oscar Wilde setzte sich ein Prozess in Gang, der als das „öffentliche“ Dandytum bezeichnet werden kann. Pointierte Eleganz und Exklusivität stehen forciertem Pomp, Regellosigkeit und penetrantem Zur-Schau-Stellen gegenüber. Baudelaire beschreibte diesen Dandyismus als „das letzte sich Aufbäumen in Zeiten des Verfalls“ 2.

Der Dandy 2.0

Dandy-Chic, Rock-Dandy, Dandy-Look, Dandys im Großstadtdschungel, Dandy Diary oder Neo-Narziss sind heute gebräuchliche Schlagworte und in vielen Gazetten zu finden. TV-Moderatoren, Sternchen, Modeschöpfer und Popstars – sie alle greifen hin und wieder einmal in die Stilkiste der Dandy-Attribute. Jedoch, Originalität, Exklusivität oder gar intellektuellen schöpferischen Ideenreichtum findet man unter ihnen selten. Es geht rein um den Schein. Einzelne dandyhafte Züge können durchaus hilfreich sein, um in der Riege der Geschmacksidole kurzfristig bestehen zu bleiben. Dem Dandy um 1900 würde diese inflationäre Show jedoch fremd sein, war doch sein Bestreben Einzigartigkeit und Eleganz zu kultivieren. Die Schönheit war sein Beruf, unterstrichen von einer stoischen Ruhe, die geistige und materielle Unabhängigkeit demonstrierte.

Der Konsum- und Gesellschaftswandel hatte schlichtweg zur Folge, dass sich der Dandy aus seiner Urform heraus mitentwickeln musste, und, wie S. Sontag schreibt, heute vielen die Chance bietet, auf raffinierte Weise Stil und Geschmack zu kultivieren3. Grob gesprochen aber wich der Anspruch auf Authentizität der reinen Imageclownerie.

Designer, Künstler, Literaten, Manager, Politiker – einer unter ihnen bekommt heute mit Sicherheit den Dandy-Status medial auferlegt. Der vorherrschende Gesellschaftstenor gönnt aber keine Ruhe, so mutiert der Dandy des 21. Jahrhunderts zum von Erfolgsdruck geplagten Arbeitstier. Der propagierte Mode-Kult bleibt an der Oberfläche und ist nichts anderes als ein Effekt. Menschen „vermarkten“ sich, und wo der Schein dominiert, fehlen tiefgreifende Distinktionen. Was hier stattfindet ist ein Selbstbedienungsladen von Dandy-Attitüden: Als Vorbild des Selbstkults wird der Dandy zum Abziehbild in einer vom äußeren Schein diktierten Medienwelt.

Und wie könnte ein neuer, avantgardistischer Dandy aussehen? Günter Erbe schreibt dazu sehr treffend: „Heute sollte man sich fragen, ob es nicht die erste Pflicht ist, auf jede Pose erstmal zu verzichten.“4

Chapeau, wer es schafft!

1 Charles Baudelaire, Mein entblößtes Herz, in: Sämtliche Werke/Briefe. Bd. 6, hrsg. v. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1991, S. 224.
2 Charles Baudelaire, Der Dandy, in: Sämtliche Werke/Briefe. Bd. 5, hrsg. v. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, S. 244.
3 Susan Sontag, Anmerkungen zu "Camp", in: dies., Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Reinbek 1968, S. 282.
4 Günter Erbe, Der moderne Dandy, 2004. http://www.bpb.de/apuz/27987/der-moderne-dandy?p=all#footnodeid_2-2 (06. 11. 2016)
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Übersicht, Fashion und Trends, Interior Design, Leben und Lifestyle

Knize trifft Loos

Designtraditionen in Wien

 

Messen, skizzieren, mit Lineal zeichnen, abzeichnen, umzeichnen und noch einmal messen. Pläne erstellen und fertigen, fertigen, fertigen. Erneut nachmessen, korrigieren und wieder fertigen, fertigen, fertigen. Millimetergenaues Arbeiten, betrachten und wieder … fertigen, fertigen, fertigen.

Es scheint, als handle es sich um den Arbeitsprozess eines Architekten, und doch möchte ich hier von einem Schneider erzählen, der sein Handwerk mit Bedacht und voller Hingabe lebt. Die Rede ist von Herrn Rudolf Niedersüß, Herrenschneidermeister in dritter Generation. Sein Auftreten ist zurückhaltend und überlegt. Er führt den Herrenausstatter Knize, ehemaliger K&K Hoflieferant, am Wiener Graben 13. 1858 wurde das Geschäft von Josef Knize gegründet, Niedersüß übernahm es 1976. Auch wenn man bei Knize keine Baupläne bekommt, kommen ArchitekturkennerInnen auch in diesem Bereich auf ihre Kosten.

Außen und Innen

Die Einrichtung und Ausstattung, wie auch der dezente, edle Eingangsbereich aus schwarzem, schwedischem Granit mit Goldlettern trägt die Idee von Handwerk und durchdachter Gestaltung. Sie entstammt der Feder des Verfechters des Ornamentlosen, Diskreten und stets dem Modernen zugewandten Adolf Loos. Zwischen 1910 bis 1913 verwirklichte er hier seine Idee von einem zeitgemäßen, modernen und funktionalem Geschäft.

Knize – erste Adresse in Sachen Herrenausstattung – ist heute ein Stück lebende Kunst- und Kulturgeschichte inmitten des 21. Jahrhunderts in Wien. Weniger die Fakten führen mich zu dem Schluss, als vielmehr die Atmosphäre und kleinen Details im Geschäft selbst. Es ist der Geruch von feinem Staub und alter Möbelpolitur, die knarrenden Holzböden und schiefen, der Schwerkraft nachgebenden, Türrahmen – hunderte von Geschichten könnten sie uns erzählen! Es sind die Salonsessel aus grünem Samt, die Schlüsselgriffe mit charmanten Gebrauchsspuren, schmucklos gefräste Holztäfelungen – vom vielen Staubwischen glänzend poliert – und nicht zu vergessen, der leicht abgetretene, grasgrüne Teppichboden. Sie alle sind Zeugen zahlreicher wohlhabender KundInnen, die das Vertrauen in die Meisterhände legten, um in wohlgemerkt „ihrer Gesellschaft“ korrekt angezogen zu sein! Niemals auffallen und sich stehts mit feinstem, edelsten Zwirn bedecken, keine Borte und noch weniger Samt und Seide lautet heute wie damals das Kredo. Die Schneiderkunst war Loos so wichtig wie der Raum, den er für sie baute.

Form und Material

Knize vereint beides in Loos’ Sinn – Die Architektur und die gehobene Schneiderei. Denn in ihren Grundhaltungen gleichen sich beide mehr, als man vermuten möchte. Die Arbeit mit Form und Material und die pragmatische Suchen, ein zeitgemäßes und funktionales Ergebnis zu schaffen, formt in beiden Disziplinen einen Körper, eine Hülle, für den Menschen. Loos und Knize kommunizieren und fordern eine Haltung nach einfachen Werten: Sei dir stets bewusst, was du hast und kannst, sei selbstsicher, aber übe dich in unauffälliger und zurückhaltender Manier. „Furcht vor der Öffentlichkeit“ würde Loos dazu sagen!

Knize und Brioni

Die ausgewählte Stammkundenschar bleibt auch heute unter sich. Die Kartei vermehrt sich zum Leidwesen zahlreicher Anfragen leider nicht mehr. Wer nicht zum Kreis der betuchten Kunden für Maßanzüge gehört, findet aber zum Glück eine Auswahl an modernen Modellen im Store. Anzüge aus Italien werden eigens für Knize im Süden gefertigt und als Prêt-à-Porter Mode im Geschäft verkauft. Marken wie Brioni oder Kiton finden Kenner guten Zwirns darunter. Hier wurde bewusst und mit Geschmack gewählt, denn verkauft wird gewiss nicht jede „Stangenware“.

James Bond trägt übrigens auch Brioni-Anzüge und wie wir alle wissen, ist ER der Innbegriff von Stil und Charme. Da kann ich mit ruhigem Gewissen behaupten: Knize besitzt eindeutig die Lizenz zum Maßnehmen und Loos würde auch heute noch seine Freude daran haben!

Literatur: Adolf Loos, die Herrenmode, Wien 1898.
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