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3 Gründe für Daniel Richter

Die große Frage zuerst: Wer ist dieser Daniel Richter? Punk, Maler-Rebell, vernichtender Analyst, Weltenbeobacher oder simpler Lebens-Künstler, der sich als Maler versteht?

Daniel Richter ist nicht zu verwechseln mit Gerhard Richter, sie sind nicht miteinander verwandt, haben maximal dieselbe Staatsbürgerschaft Deutschland. Jedoch polarisieren beide auf eine ganz eigene Art und Weise.

Beide Richter beschäftigten sich mit dem Abstrakten im Bild. Autobiografische Züge verarbeiten die Zeitgenossen ebenfalls, die Themen allerdings sind grundverschieden. Ein Grund: Sie trennen 30 Jahre. Die Gemeinsamkeit: Beide schlagen mit ihren Inhalten eine harte, ironische Sozialkritik an. Sie ist ungetrübt Bestandteil beider Künstlerpersönlichkeiten. Und die Arbeitsweise? Gerhard Richter arbeitet kontrolliert. Fast museologisch-archivierend sammelte er für seine Atlas-Serie. Und der anderen? Man möchte es nicht vermuten, Daniel Richter führt seinen Pinsel punktgenau und wohlüberlegt über die Leinwand. Konzentration im Chaos.

Daniel Richter

Beim jüngeren Richter vibrieren die großflächigen Tafelbilder. Abstrakte Landschaften, apokalyptische Welten und anonyme Figurengruppen verschlingen den Betrachter. Der Maler zeigt einen ganz eigenen Gestus, den er selbst als „Historienmalerei im neuen Stil“ beschreibt. Konkrete Schauplätze findet der Betrachter jedoch vergeblich. Die collagierten, fiktiven Orte dröhnen aus der Leinwand heraus. Der Künstler erweitert seinen malerischen Raum und erzielt dabei ein schauriges Gefühl. Seine gegenständlich-abstrakten Bilder versuchen eine ganz bestimmte Stimmung des Zeitgeschehens einzufangen. Daniel Richter verstand sich im weitesten Sinn immer als politisch motiviert. Er arbeitete besonders in der Vergangenheit mit Allegorien, Narrationen und politischen Statements.

Drei Merkmale

Daniel Richter funktioniert als Künstler, als Störer und als Beobachter. Wie sieht er die Malerei selbst, einem Medium, dem er wie er selbst sagt „nie entwachsen ist“? Sie ist für ihn „unaufklärerisch, vielleicht traditionell auch das revolutionärste oder grundsätzlichste Medium. Konkret: „Was mir am meisten bedeutete, aus nichts etwas zu machen“, so im Interview mit der Standard.

1. Der Künstler

Daniel Richter ist Maler mit Selbstbeschränkung: Sich nur auf die Malerei zu konzentrieren ist eine Herausforderung, wie er im Interview für das RONDO betont.

2. Der Störer

Knallharte Kritik, laute Manieren und unliebsame Aussagen. Nicht jeder versteht Richter, nicht jeder liebt Richter, doch was kann Richter? Seine Meinung äußern. Ungeschönte Wahrheiten kollaborieren in den Bildern mit ganz eigenen Sichtweisen auf die Welt.

3. Der Beobachter

Daniel Richter im Interview mit Stephan Hilpold:  „Die Welt macht mir Riesenspaß. Was da gerade los ist, ein Haufen an beknackter Scheißdreckhaftigkeit, dass man vor Begeisterung in die Hände klatschen muss!“ Nun, irgendwie bringt er es auf den Punkt.

Seine Retrospektive „Lonely Old Slogans“ läuft bis 5. Juni 2017 im Wiener 21er-Haus.

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Mode und Malerei – Der MM-Effekt!

„Mode beeinflusst Kunst“ ist Sven Drühls Ansatz für eine Text-Diskussion, die er im Kunstforum international mit „Verstrickungen“ betitelt. Beide Disziplinen – Kunst und Mode – beherrschen ein feines Spiel aus Abkehr und Zuwendung zum jeweils anderen Feld. Drühl findet die „Offenlegung der Struktur“¹ oder „Vorgehensweisen als ästhetisches Mittel“² sowohl in der Modeproduktion als auch im Kunstsystem vor. Es sind die austauschbaren Verbindungen, die hier zum Tragen kommen, was wieder zur Umkehr führt, oder wie Drühl sagt, „Kunst beeinflusst Mode.“³

Mode und Kunst näherte sich immer wieder an, versucht(e) gemeinsame Wege zu gehen oder sucht(e) Inspiration beim anderen. Im 20. Jahrhundert waren es Klimt und die Wiener Werkstätte, die mit Modeentwürfen, Stoffmustern und Verbindungen zum Modesalon der Schwestern Flöge für Aufsehen sorgten. In Paris brachte die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli den Surrealismus und Dadaismus in die Fashionszene. Sie pflegte Kontakt zu Künstlern wie Man Ray und Duchamp. Picasso und Dali zählten zu ihren Freunden. Mit Letzterem kollaborierte sie immer wieder. Aus dieser kreativen Verbindung entstanden unter anderem das bekannte Lobsterkleid oder der Schuh-Hut.

Damals wie heute ziehen sich beide Bereiche magisch an. Menschen sind dazu befähigt, geistige und materielle Formen zu erschaffen. Wir bezeichnen sie als Modeschöpfer, Architekten, Bildhauer, Maler, Literaten oder Schauspieler. Sie alle kreieren Bilderwelten und Räume, die vor allem auch durch Verschränkungen immer wieder Quellen gegenseitiger Inspiration werden.

Formschaffen

Der bildende Künstler Mario Dalpra und Modeschöpfer Juergen Christian Hoerl beschreiten in diesem Zusammenspiel ihren ganz eigenen Weg. Zeit ist ein wesentlicher Faktor in der Kreation von Skulpturen und Kleidung. Diesmal aber ging es beiden um das Momenthafte und die unmittelbare Aktion. Eine Live-Performance ist dafür die ideale Bühne, denn der Weg bleibt spontan, das Ziel ist klar: Eine gemeinsame Formschaffung“.

Foto: Malena Brenek

Foto: Malena Brenek

Die Medien

Der Akt des Schaffensprozesses setzt sich bei diesem Duell aus mehreren Elementen zusammen: Eine weiße Leinwand, weiße Kleidung, Menschen als Skulpturen und persönliche Zugänge werden zu Medien und Transmittern sinnlicher Formen. Die materielle Verkörperung spiegelt sich schließlich in der eigenen künstlerischen Handschrift wider. Das Ergebnis kann vom Zuschauer nur erahnt werden. Gemälde, Kleidung, Gesamtkunstwerk? Das Prinzip des Zufalls spielt hier jedoch eine untergeordnete Rolle. Die Motive und Farben werden anfangs gezielt gesetzt, lösen sich aber im Zuge der Aktion immer mehr auf und folgen schließlich dem tranceartigen Zustand aus Gefühlen und Können.

Foto: Malena Brenek

Foto: Malena Brenek

Mode und Malerei

Juergen Christian Hoerls Zugang als Modeschöpfers ist deutlich erkennbar. Sein geschultes Auge erfasst die Körperformen, umzeichnet Schnittmuster und setzt Abnäher. In diesem Prozess dienen ihm Farbe und Pinsel als Marker und ersetzen Nadel und Faden. Mario Dalpras Hände folgen seinem gelernten Künstlergeist, indem sie Farben, amorphe Formen, Figuren und Muster auf die lebenden Leinwände bringen. Alles, die Kleidung als Medium, Menschen-Skulpturen und ein spontaner Schöpfungsprozess, verbindet sich bei dieser Live-Performance zu einer stimmigen Einheit. Mode und Malerei ergänzen sich. Aktion folgt Reaktion. Gefühle führen zu Farben und individuelle Herangehensweisen erzeugen schlussendlich ein energiegeladenes Cross-over.

Die Verbindung Mode und Malerei hat einmal mehr gezeigt, wie sich gestalterische Kräfte im Zusammenspiel von sinnlicher Erfahrung, materieller und farblicher Ästhetik und einem beiderseitigen Verständnis von Perfektion aufeinander einstimmen können.

1-3 Drühl, Sven, Verstrickungen, in: Kunstforum international, Bd. 141, Juli-September 1998, 173.
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Der Dandy

Oscar Wilde machte es vor

Seine Statur ist grazil und hochgewachsen. Feminine und doch markante männliche Gesichtszüge werden von braungoldenem Lockenhaar umrahmt. Der klare Blick ist kühn und überlegen. Zartgliedrige Finger legen sich in seine Taille und umschließen seinen violett-braunen maßgeschneiderten Gehrock mit breitem Revers. Der edelste Satinschal ist um seinen Hals gebunden. Ausgezeichneter Geschmack, perfekte Manieren, immer für ironisch-frivole Konversationen bereit und betont distanziert – der Dandy.

Dandy

Pose, Styling und Komposition erinnern an ein historisches Porträt eines wohlhabenden Bürgers. Dieses inszenierte Foto aus einem französischen Modemagazin funktioniert, sehnt sich der Betrachter beim Anblick des Motivs vielleicht nach Romantik aus vergangenen Zeiten. Vornehm, jung, unnahbar, das Model gleicht mit Kleidung und Habitus seinen historischen Vorbildern wie George Bryan Brummell oder Oscar Wilde. Was aber passiert mit dem Dandy 2.0, wenn Magazine, Modefirmen und Feuilletons den Begriff derart ausreizen und jeden vornehm, leicht konservativ und ausdrucksstark-überhöht blickenden Mann als solchen beschreiben? Folgen wir dem Dandy.  Ein Essay-Kommentar zum Thema.

Dandy, who?

Ist er eine überholte Beschreibung verträumter Geschichtenerzähler oder tatsächlich noch zeitgemäß? Wie passt er heute in unser Gesellschaftsbild und gelten die alten Regeln noch? Wie sieht die Forderung Baudelaires, der Dandy müsse sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterbrechung erhaben zu sein, heute aus? „Er müsse leben und schlafen vor einem Spiegel“1, so seine Anmerkung.

Uns stellt sich hier eine Geistes- und Lebenseinstellung dar, in der Selbstkult zur Spitze getrieben wird: der Dandy als Solitär in einer exklusiven Gesellschaft. Er ist eine Spielernatur und frönt dem Müßiggang. Einer täglichen Brotarbeit würde er nie nachgehen. Von ihm sind unterschiedlichste Facetten und Mischformen bekannt, auch bedingt von politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Häufig aber aus gutem Hause kommend, findet der Dandy nur in diesem Umfeld Zuspruch. Hier reflektieren auch seine GesellschaftspartnerInnen den Kodex aus Werten, Regeln und Formen, denn sie alle sind „Eingeweihte“, die sich auf dieser „Bühne“ selbsterklärend verstehen.

Als Individuum ist er materiell und geistig unabhängig. In seinem Umfeld ist er Provokateur, greift aber niemals dieses direkt an. Raffiniert übt er sich in Selbstkontrolle, immer bedacht darauf, seine kühle und unnahbare Aura zu wahren. Jede Szenerie beherrscht er durch sein latent konservatives Erscheinungsbild, provoziert aber gleichzeitig durch das Verweigern von Zeitmoden. Das ausgewählte Einfache unterstreicht seine Schönheit. Er leistet sich diese Regelbrüche und gefällt trotzdem. Ohne jedoch die Rückbindung an verpflichtende Konventionen der „besseren Gesellschaft“ würden seine Verstöße, sein überhöhter Geschmack und Stil und seine ethischen und spirituellen Eigenschaften missverstanden, vermutlich übersehen werden und ins Leere verpuffen.

Mit Oscar Wilde setzte sich ein Prozess in Gang, der als das „öffentliche Dandytum“ bezeichnet werden kann. Pointierte Eleganz und Exklusivität stehen forciertem Pomp, Regellosigkeit und penetrantem Zur-Schau-Stellen gegenüber. Baudelaire beschrieb diesen Dandyismus als „das letzte sich Aufbäumen in Zeiten des Verfalls“ 2.

Der Dandy 2.0

Dandy-Chic, Rock-Dandy, Dandy-Look, Dandys im Großstadtdschungel, Dandy Diary oder Neo-Narziss sind heute gebräuchliche Schlagworte und in vielen Gazetten zu finden. TV-Moderatoren, Sternchen, Modeschöpfer und Popstars, sie alle greifen hin und wieder einmal in die Stilkiste der Dandy-Attribute. Jedoch, Originalität, Exklusivität oder gar intellektuellen schöpferischen Ideenreichtum findet man unter ihnen selten. Es geht um den Schein. Denn, einzelne dandyhafte Züge können durchaus hilfreich sein, um in der Riege der Geschmacksidole kurzfristig bestehen zu bleiben. Dem Dandy um 1900 würde diese inflationäre Show jedoch fremd sein, war doch sein Bestreben Einzigartigkeit und Eleganz zu kultivieren. Die Schönheit war sein Beruf, unterstrichen von einer stoischen Ruhe, die geistige und materielle Unabhängigkeit demonstrierte.

Der Konsum- und Gesellschaftswandel hatte schlichtweg zur Folge, dass sich der Dandy aus seiner Urform heraus mitentwickeln musste, und, wie S. Sontag schreibt, heute „vielen die Chance bietet, auf raffinierte Weise Stil und Geschmack zu kultivieren.“3 Grob gesprochen aber wich der Anspruch auf Authentizität der reinen Imageclownerie.

Designer, Künstler, Literaten, Manager, Politiker, einer unter ihnen bekommt heute mit Sicherheit den Dandy-Status medial auferlegt. Der vorherrschende Gesellschaftstenor gönnt aber keine Ruhe, so mutiert der Dandy des 21. Jahrhunderts zum von Erfolgsdruck geplagten Arbeitstier. Der propagierte Modekult bleibt an der Oberfläche und ist nichts anderes als ein Effekt. Menschen „vermarkten“ sich, und wo der Schein dominiert, fehlen tiefgreifende Distinktionen. Was hier stattfindet, ist ein Selbstbedienungsladen von Dandy-Attitüden: Als Vorbild des Selbstkults wird der Dandy zum Abziehbild in einer vom äußeren Schein diktierten Medienwelt.

Und wie könnte ein neuer, avantgardistischer Dandy aussehen? Günter Erbe schreibt dazu sehr treffend: „Heute sollte man sich fragen, ob es nicht die erste Pflicht ist, auf jede Pose erstmal zu verzichten.“4

Chapeau, wer es schafft!

1 Charles Baudelaire, Mein entblößtes Herz, in: Sämtliche Werke/Briefe. Bd. 6, hrsg. v. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1991, S. 224.
2 Charles Baudelaire, Der Dandy, in: Sämtliche Werke/Briefe. Bd. 5, hrsg. v. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, S. 244.
3 Susan Sontag, Anmerkungen zu "Camp", in: dies., Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Reinbek 1968, S. 282.
4 Günter Erbe, Der moderne Dandy, 2004. http://www.bpb.de/apuz/27987/der-moderne-dandy?p=all#footnodeid_2-2 (06. 11. 2016)
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Knize trifft Loos

Designtraditionen in Wien

Skizzieren, messen, zeichnen, umzeichnen, noch einmal messen. Pläne erstellen und fertigen. Erneut nachmessen, korrigieren und wieder: fertigen, fertigen, fertigen. Millimetergenaues Arbeiten, betrachten und erneut: fertigen.

Der Arbeitsprozess gleicht dem eines Architekten, und doch ist es der eines Schneiders. Eines Schneiders, der sein Handwerk mit Bedacht und voller Hingabe lebt. Rudolf Niedersüß ist Meister in dritter Generation und führt den Herrenausstatter Knize, ehemaliger K&K Hoflieferant, am Wiener Graben 13. 1858 wurde das Geschäft von Josef Knize gegründet, Niedersüß übernahm es 1976. Auch wenn man hier keine Baupläne bekommt, kommen ArchitekturliebhaberInnen auch in diesem Bereich auf ihre Kosten. Und der Grund ist Adolf Loos.

Außen und Innen

Die Einrichtung und Ausstattung, wie auch der dezente, edle Eingangsbereich aus schwarzem, schwedischem Granit mit Goldlettern trägt die Idee von Handwerk und durchdachter Gestaltung. Sie entstammt der Feder des Verfechters des Ornamentlosen, Diskreten und stets dem Modernen zugewandten Loos. Zwischen 1910 und 1913 verwirklichte er hier seine Idee von einem zeitgemäßen, modernen und funktionalen Geschäft.

Knize – erste Adresse in Sachen Herrenausstattung – ist heute ein Stück lebende Kunst- und Kulturgeschichte inmitten des 21. Jahrhunderts in Wien. Weniger die Fakten führen zu dem Schluss, als vielmehr die Atmosphäre und kleinen Details im Geschäft selbst. Es ist der Geruch von feinem Staub und alter Möbelpolitur, die knarrenden Holzböden und schiefen, der Schwerkraft nachgebenden, Türrahmen – Hunderte von Geschichten könnten sie uns erzählen. Es sind die Salonsessel aus grünem Samt, die Schlüsselgriffe mit charmanten Gebrauchsspuren, schmucklos gefräste Holztäfelungen – vom vielen Staubwischen glänzend poliert – und nicht zu vergessen, der leicht abgetretene, grasgrüne Teppichboden. Sie alle sind Zeugen zahlreicher wohlhabender KundInnen, die das Vertrauen in die Meisterhände legten, um in wohlgemerkt „ihrer Gesellschaft“ korrekt angezogen zu sein. Niemals auffallen und sich stets mit feinstem, edelsten Zwirn bedecken, keine Borte und noch weniger Samt und Seide lautet heute wie damals das Credo. Die Schneiderkunst war Loos so wichtig wie der Raum, den er für sie baute.

Form und Material

Knize vereint in Loos’ Sinn die Architektur und die gehobene Schneiderei. Denn in ihren Grundhaltungen gleichen sich beide mehr, als man vermuten möchte. Die Arbeit mit Form und Material und die pragmatische Suche, ein zeitgemäßes und funktionales Ergebnis zu schaffen, formt in beiden Disziplinen einen Körper, eine Hülle, für den Menschen. Loos und Knize kommunizieren und fordern eine Haltung nach schlichten Werten: Sei dir immer bewusst, was du hast und kannst, sei selbstsicher, aber übe dich in unauffälliger und zurückhaltender Manier. „Furcht vor der Öffentlichkeit“ würde Loos dazu sagen.

Knize und Brioni

Qualität hat seinen Preis. Und fordert Zeit. Die ausgewählte Stammkundenschar bleibt aus diesem Grund weiterhin ausgewählt, denn die Kartei vermehrt sich, zum Leidwesen zahlreicher Anfragen, nicht. Gehört man damit nicht zum Kreis der „betuchten“ Kunden für Maßanzüge, für den steht eine Auswahl an Anzugmodellen bereit, welche eigens für Knize in Italien gefertigt und als Prêt-à-Porter Mode in Wien verkauft wird. Kenner des guten Zwirns finden etwa Marken wie Brioni oder Kiton darunter. „Es wird bewusst gewählt“, heißt es, denn verkauft wird gewiss nicht jede „Stangenware“. Wohl wahr, trägt doch James Bond auch Brioni-Anzüge. Mit ruhigem Gewissen kann man somit behaupten, dass Knize die Lizenz zum Maßnehmen besitzt. Und Loos? Auch er hätte noch seine Freude daran.

Literatur: Adolf Loos, Die Herrenmode, Wien 1898.
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Kunst und Erfolg – Strategien entwickeln

Braucht ein Künstler, eine Künstlerin eine Strategie? Oder anders gefragt, warum soll sich ein Künstler, eine Künstlerin eine Strategie* überlegen?

Wollen Sie wirtschaftlichen Erfolg und/oder kunsthistorische Anerkennung erlangen oder schlicht ein kreatives Hobby ausüben? Möchten Sie in einem kunst- und kulturnahen Feld arbeiten: als GaleristIn, KuratorIn, JournalistIn, etc. oder möchten Sie anderen Menschen helfen, sei es in der Vermittlung oder Therapie. Welche Position als KünstlerIn möchten Sie einnehmen? Allen Zielen geht nur die EINE Entscheidung voraus, nämlich DIE konkrete Vision, warum oder weshalb Sie das tun, was Sie tun möchten.

Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht, was Sie konkret möchten? Wenn ja, wunderbar, dann können Sie diesen Artikel überspringen 🙂 Wollen Sie hier und jetzt aber mehr zu Strategien in der Kunst erfahren, dann freue ich mich, Ihnen hier das Wesentlichste mitzugeben.

Die drei Key-Facts

Haben Sie für sich eine

1) Vision/Mission definiert, folgt die

2) Definition konkreter Ziele. Dies könnte wirtschaftlicher Erfolg von xy Umsatz/Jahr; xy Ausstellungen in xy Galerien, Museen, Sammlungen; ProfessorIn an einer Universität oder das Leiten einer eigenen Galerie sein. Ziele können miteinander korrespondieren und in der Regel definiert man kurz-, mittel- und langfristige Ziele. Darauf aufbauend gehen Sie nun über zu den konkreten und

3) erforderlichen Maßnahmen und Strategien, um Ihren Zielen und zugleich Ihrer Vision/Mission einen Schritt näher zu kommen.

Doch wir wissen alle, dass es in der Theorie meistens sehr einfach klingt, die Praxis dann aber anders aussehen kann. Nicht jeder weiß zu Beginn der Ausbildung, was das Leben für einen bereit hält. Äußere Rahmenbedingungen wie Jobs und Einkommen, technische Fertigkeiten, aber auch Befürworter, Familie, die eigene Persönlichkeit uvm. nehmen Einfluss darauf. Umso mehr ist es hilfreich, ein paar nützliche Strategien und Hinweise zu kennen, um erfolgreich seinen persönlichen und künstlerischen Weg zu finden.

Aus der Praxis

Ich traf Alexander Jöchl (Bildender Künstler und Kurator, Vorstandsmitglied der IG BILDENDE KUNST) zum Interview im Cafe PHIL. Er sprach mit mir über die „Blase Kunstakademie“, den aktuellen Kunstmarkt und wesentliche Skills für den Kunstberuf.

Alles fängt damit an: dem richtigen Umfeld. Sein Studium in einer Groß-Stadt zu beginnen, hat wesentliche Vorteile. Der richtige Ort bietet viele Kunst-Veranstaltungen, Off-Spaces, Initiativen, Galerien, Museen, auch für zeitgenössische Kunst. Im Vergleich zu den österreichischen Bundesländern, bietet Wien ein breiteres Publikum und internationale Rezensionen in Medien. Auch die Förderungsmöglichkeiten sind in Groß-Städten breiter aufgestellt, als in den Bundesländern, die zunehmend gekürzt werden.

  1. Eigenverantwortung. Die Akademie ist eine „Blase“, die kaum auf die Markt-Realität vorbereitet. Diese Zeit des Experimentierens sollte man nach Möglichkeit auch für technische Fertigkeiten, Skills und Fragen zu Versicherungen, Verträgen, Urheberrecht etc. nutzen, um ebenfalls für kunstnahe Berufe vorbereitet zu sein.
  2. Netzwerke aufbauen. „Die wichtigsten Leute im Studium sind die Leute, mit denen man studiert.“ Jöchl zitiert hier Erwin Wurm. Man baut während seiner Studienzeit persönliche Bindungen auf, die auch das spätere Netzwerk bilden können, auf das man zurückgreifen kann.
  3. Mentoren (Professoren) innerhalb der universitären Ausbildung sind wichtig für den Erfolg. Der Klassenverband hilft und unterstützt bei der Vergabe von Stipendien,  unterstützt bei Wettbewerben und lässt die eigenen Arbeit kritisch reflektieren.
  4. Einzel- oder Kollektivarbeit. Stellen Sie sich die Frage: Wie arbeite ich am liebsten? Überlegen und erproben Sie die Vor- und Nachteile. Jöchl sieht den Vorteil eines kollektiven Zusammenschlusses darin, dass man neben dem künstlerischen Austausch auch täglich anfallenden Organisationsarbeit leichter untereinander aufteilen kann.
  5. Persönlichkeit. Um erfolgreich zu sein, muss man sich, seine Talente und Neigungen kennen. Der Markt verlangt Engagement und Disziplin. Die eigene künstlerische Position sollten so früh als möglich klar definiert werden. Danach richten sich auch weitere (Vermarktungs-) Strategien. Sicheres Auftreten und Persönlichkeit sind aber auch im Umgang mit Institutionen, Auftraggebern oder Medien gefragt. Auf die Frage, muss man authentisch sein, antwortet Alexander Jöchl: „…nicht einmal das. Viele KünstlerInnen legen sich ein Label oder Marke zu, die nicht mehr authentisch zur eigenen Person ist.“ 
  6. Entscheidung. Die ersten 3-5 Jahre nach dem Abschluss sind entscheidend. Wie positioniert man sich, bleibt man im Kunstfeld, etabliert man sich am Markt – selbst oder mit Hilfe einer Galerie, ist das Kunstfeld für einen persönlich überhaupt das Richtige? Falls nicht schon zuvor, klären sich vielen Fragen schließlich in dieser Zeit.
  7. Brot-Job. Die finanzielle Einkommensquelle kann gerade zu Beginn nicht immer die Kunst alleine sein. Welche Balance man für sich findet, setzt wieder voraus, dass man sich und seine persönlichen Stärken kennt. Disziplin ist auch hier von einem selbst gefragt, um beide Bereiche gut miteinander verbinden zu können. Ein zusätzlicher Job kann befruchtend für die eigene künstlerische Arbeit sein, man kann mitunter den nötigen Abstand gewinnen, oder ihn zu einer Berufung werden lassen. Interessante Strategien zu „Dualen Karrieren“ finden Sie auf der Seite der IG BILDENDE KUNST, die zu diesem Thema ein Frühstücksgespräch organisierte.
  8. Kunst als Job. Jeder/jede, der/die sich für diesen Beruf entscheidet, sollte sich bewusst werden, „Kunst ist auch Business“. Es ist ein beinhartes Geschäft, das nach wie vor sehr klassisch über und mit Galerien, Förderern und Mäzenen funktioniert. Hinzu kommt aber noch, dass von KünstlerInnen mehr denn je Professionalität gefordert wird. Gut funktionierende Websites, Social Media-Auftritte, Pressetexte, Kataloge, gute Fotos und Kritiken von KunsthistorikerInnen sind mittlerweile Standard. Kunst als Job bedeutet aber auch, die Produktion von neuen Kunstwerken zu garantieren, Liefertermine einzuhalten und dem Leistungsdruck in Summe standzuhalten.

Die Anforderungen sind so umfangreich, wie der Markt selbst! Ein knapper Leitfaden, der das Wesentlichste auf den Punkt bringt – vielen Dank Alexander Jöchl für das ausführliche Interview!

* Interessieren SIE SICH NÄHER FÜR DAS THEMA, GIBT ES WEITERFÜHRENDE UND VERTIEFENDE LITERATUR ZU STRATEGIEMODELLEN UND -THEORIEN AUS DER WIRTSCHAFT, ZUM BEISPIEL "DAS HARVARD-KONZEPT", "STRATEGIE NACH PORTER", "STRATEGIE NACH MINTZBERG" U.A., SOWIE KÜNSTLERISCHE STRATEGIE VS. POSITION, ODER KUNST VS. WERBUNG VON SIGLINDE LANG  (2013): MARKTSTRATEGIE: KUNST!
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Anselm Kiefer @ ALBERTINA WIEN

Die Albertina Wien setzt gerne auf bekannte KünstlerInnenpersönlichkeiten. Mit der Ausstellung Anselm Kiefer – Die Holzschnitte gelang es Albrecht Schröder, auf Wunsch Kiefers, die außergewöhnlichen und monumentalen Werke erstmals in Wien zu zeigen. Kuratorin Antonia Hoerschelmann setzte eine inhaltlich durchdachte Retrospektive um, die durch ihre konzentrierte Werkauswahl besticht.

Der Holzschnitt als Medium in seiner Reduktion und Abstraktion steht in Kiefers Werk nicht als Gegenpol zu seinen haptischen Arbeiten aus oft unkonventionellen Materialien. Er ist vielmehr eine Ergänzung, um BetrachterInnen im Sehen, im Tastsinn, manchmal auch im Geruchssinn zu fordern, so der Künstler selbst.

Inhaltlich wie formal vernetzen sich die Arbeiten mit seinem Gesamtwerk. Bildzyklen und Themengruppen benannten die deutsche Geschichte und Mythologie. Kiefers Interesse am Mythos Mensch und sein Moment der Wandlung gipfelt nach vier Jahrzehnten Arbeit in eindrucksvollen, handwerklich ausgereizten, wie auch sensibel bearbeiteten Holzschnitt-Collagen. Der Künstler sieht den Kreislauf von Mikro- und Makrokosmos, von Erwachen und Tod in einem größeren, vielleicht auch universelleren, Zusammenhang. Die Rhein-Bilder wiederum knüpfen an Kiefers Symbolik als deutschen Grenzfluss an; Wege der Weltweisheit: Die Hermannsschlacht und Brünhilde – Grane zeigen sein Interesse an der deutschen Geschichte. In dieser Ausstellung erkennt man eindeutig einen Kiefer, der seinem dualen Interesse nach Realität und Metaphysik folgt.

anselm kiefer - die holzschnitte. albertina wien. 2016.

Anselm Kiefer – Die Holzschnitte, Albertina Wien, 2016.

Trotz der überdimensionalen Arbeiten wirkt der Raum im Untergeschoss der Albertina offen und luzid. Der Fokus ist klar, die Linie deutlich und die Sprache des Künstlers wurde durch Hängung, Aufbau und verständlichen Begleittexten auf den Punkt gebracht. So bleibt genügend Betrachtungs-Freiraum, um Kiefers Holzschnitt-Collagen, malerische Überarbeitungen und experimentelle Materialien und Techniken zu studieren. Die Ausstellung gewinnt durch systematisches Aussparen. Jedes Werk wirkt für sich. Die hingebungsvoll erschaffen und mit Passion bearbeiteten Tafelbilder verbreiten durch ihre reduzierte Farbpalette aus Weiß, Grau und Schwarz eine meditative Ruhe. Kiefer nennt es auch „die Sensualität von einem Kunstwerk“.

„Man muss schon kämpfen, das man das Holz dazu bringt, etwas zu sagen.“  Die Ausstellung zeigt uns Anselm Kiefer als Realist, als Mythologe und als Künstler. Noch bis 19. Juni 2016 in der Albertina WienAlbertinaplatz 1, A-1010 Wien.

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Kunst und Migration am Take Festival

„Yes, there is active aid to be done, but as creative practitioners who absorb the world, this is a crucial issue that cannot be ignored.[…] It’s not a distant problem, anymore. The migration crisis is at our doorsteps.“ (Diana Gómez)

Die Flüchtlingsbewegung seit 1999 ist schon lange kein länderspezifisches, sondern ein europäisches, vielmehr globales Phänomen geworden. Viele Modedesigner_innen haben ihre HW 2016/17 Shows genutzt, um Elemente der Flucht und Migration in ihre Défilés und Kollektionen einzubauen. Catwalks, Bilder und Inszenierungen zeigen bei Comme des Garçons, Louis Vuitton oder Prada Elemente von Krieg, Frieden, Trauer und Leid. Walter van Beirendoncks Kollektion „WOEST“ (nl.), deutsch: wüst, fuchsteufelswild, wütend“ appellierte mit dem Slogan „Stop terrorizing our world!“

Während die eine Seite ihre Stimme kritisch erhebt, haken andere ein, um die wachsende Mobilität als Anker zu nutzen, um neue Wege zu gehen. Modemessen, Fotostrecken und Erfolgsgeschichten, wie After Migration, schlagen Brücken und machen auf wechselnde Modeerscheinungen und einem veränderten Modebewusstsein durch Migration und Integration aufmerksam.

Was bedeutet es aber, heutzutage ein Migrant oder ein Flüchtling zu sein? Von einer besseren Zukunft träumen noch Millionen Menschen*, die sich derzeit auf der Flucht befinden, in Lagern warten oder noch gar nicht den beschwerlichen und gefährlichen Weg auf sich genommen haben. Die meisten Medien berichten „laut“, „schreiend“ und „angstmachend“ über den Flüchtlingsstrom.

Die Ausstellung FASHION REVOLUTION 2016 der Akademie für Bildende Künste Wien am TAKE-Festival fächert in einem Themenblock genau diese brandaktuelle Thematik auf:

Bewegung als Symbol. Die Videoarbeit „Auf der Flucht“ von Elsa Klar und Laura Molnar geht einer zentralen Aussage nach: „Manchmal bringt dich das Leben an einen Ort, von dem du niemals gedacht hattest, dass du dort landen würdest.“

auf der flucht

Filmstill: Auf der Flucht 2016

Jacket/Journey, ein Film von Viktorija Stieger, Simone Dörler und Melanie Möllinger, beschäftigt sich mit Herkunft, Migration und Tradition. Kleidung wird in diesem künstlerischen Beitrag Symbol von Familie und ein Anker auf einer Reise in eine ungewisse Zukunft.

jacket journey

Filmstill: Jacket/Journey 2016

In einem dritten Beitrag wird Kleidung zum Symbol von Hilfe. Für das Kurzvideo „Kleiderkammer für Flüchtlinge“ begab sich Elke Gaugele nach Wien und Frankfurt am Main und recherchierte vor Ort, um der Frage nach der Spende nachzugehen. Dabei versachlicht Helfen sich in der großen Halle zur rationalisierten Arbeit eines Logistikbetriebs.

Kleiderkammer_Flüchtlinge_2016

Rechercheaufnahme: Kleiderkammer für Flüchtlinge 2016

Migration ist ein Thema! „So, I think as designers, artists and creatives, we must be the voice of those who are silent by constantly researching, compiling and translating.“ (Diana Gómez

Mehr zum Thema: Ausstellungen, Workshops, Videos, Lecture Performances, Podiumsdiskussionen zu Mode im Kontext globaler Flucht, Migration und Ökonomie. FASHION REVOLUTION 2016TAKE – Festival, Alte Post, Dominikanerbastei 11, 1010 Wien.

* Zahlreiche Kriege der letzten beiden Jahrzehnte zwangen 
Menschen zur Flucht - Tschetschenien seit 1999, Afghanistan seit 2001, Irak seit 2003 und Syrien seit 2011.
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